1. Ein Widder für Jizchak. Roman
Eine biblische Patchwork-Familie, deren interne Spannungen in Weltgeschichte mündeten und bis heute nachwirken.
Abraham, Sarah, Jizchak, Jishmael und Hagar – wie erleben sie die Ereignisse aus Genesis/Bere´shit 11-22 als Figuren aus Fleisch und Blut, im Vorderen Orient des 18. Jahrhunderts vor Christus?
Noch veranschlagte Bearbeitungszeit: bis 2027
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Der Ruf des Herrn
„Das ist lustig! Das – ist – luftig!“
Plötzlich hatte Jizchak den Wollstoff seines Kittels im Mund. Der Rock war ihm vom Gürtel über das Gesicht gefallen, während ihn der große Halbbruder senkrecht an den Fußknöcheln hielt, und im Handstand fühlte er einen Lufthauch an der trockenen Nacktheit seiner Eichel. Vergnügt spuckte er die Hemdfalten aus.
„Weiter, Jishmael, weiter!“ Jizchak setzte eine Hand vor die andere, tastete sich über den ausgetretenen Grasfilz und spähte unter dem verkehrtherum hängenden Kittelsaum hervor auf die starkknochigen Füße des Älteren. Immer schwerer pulste ihm das Blut im Kopf. Er warf ihn in den Nacken, um sich Erleichterung zu schaffen.
Jishmael begleitete seinen Händegang mit einem ausgelassenen Brummen und Juchzen, das Jizchak noch mehr zum Lachen brachte. Auch bei diesen Necklauten klang die Stimme des Bruders tief und männlich, nun aber von knabenhafter Glätte und Helligkeit gefärbt.
„Wie lustig die beiden spielen“, bemerkte eine der Mägde, die in der Nähe vor ihrem Zelt saßen und Wolle kämmten. Jizchak hörte eine andere Frauenstimme, und die sagte in deutlich bedenklicherem Ton etwas von „der Herrin“ – seiner Mutter.
„Jishu – jetzt lass mich wieder fliegen!“
„Ob du mir dafür nicht schon ein bisschen zu schwer bist?“ Vorsicht und Bedacht klangen in Jishmaels Worten mit.
„Was? Bist du so schwach geworden?!“
„Nein!“ Das hörte sich mit einem Mal kühler an, herausgefordert und leise drohend. „Na, pass auf, Kleiner!“
Mit einem fröhlichen Ächzen stemmte Jizchak die schlanken, aber kräftigen Arme stärker gegen den Boden, festigte seine Stützstellung und ließ sich von Jishmael um die Knie fassen. Von der kurzen Gereiztheit des Bruders durfte er sich nicht einschüchtern lassen. Er vertraute sich Jishmaels Stärke an und machte ihn gleichzeitig zu seinem Diener in dem Spiel – der Große, Wendige, der Verantwortung für seine Sicherheit übernahm. Halte mich gut … Kaum hatte Jishmael die Arme unter Jizchaks Knie und Waden geschlungen, begann er sich im Kreis zu drehen. Erst schlugen Jizchaks Hände mehrmals derb am Boden auf, Prellschmerz prasselte in seine Handgelenke. Dann erfasste ihn die Schwungkraft, zog ihn in schreiender Schwebe herum. Der harte, lehmige Boden mit seinen Grasbüscheln wogte unter ihm vorbei, die Filz- und Lederdächer der Zelte flogen vorüber, die sanft gewellten Äcker, Weiden und Viehherden in der Ferne, erdiges Braungelb und vom Regen noch sattes Grün, weit hinten die ineinander geschachtelten rötlichen Mauern und Dachterrassen von Kirjat Arba, Hebrons Stadt, auf dem Hügel. Die flimmernden Berge im Hintergrund. Der Kreis der Mägde und ihrer kleinen Kinder, die mit faszinierter, belustigter Neugier näher traten … Sein sicherlich hochroter Kopf zog an seinem Hals, als wolle er von den Schultern reißen.
„Ohohohohoooo …“, erfüllte Jishmaels aufmunternder und triumphierender Jubel die Lüfte, ganz nah, zugleich weit weg und unwirklich.
„Aufhören! Hört sofort auf damit!“
Das beinahe panikhafte Auftauchen Sarahs brachte Jishmael eine Spur zu rasch zum Stehen. Er taumelte selbst hintüber, während Jizchak zu Boden stürzte und sich überschlug. Glücklicherweise fing die Schulter seinen Sturz ab. Er rollte um seine Achse und blieb inmitten eines gewaltigen Wirbels liegen, der die ganze Welt um ihn kreisen ließ. Schneller, als der Schmerz seinen Körper fluten konnte, kniete seine Mutter bei ihm, nahm ihn in die Arme und hob ihn auf. Hielt ihn fest, damit ihn der Schwindel nicht von den Füßen riss.
„Pu-hu-huh, ima …“ Sein Bauch spannte und kitzelte noch vom Lachen.
„Mein armer Liebling! Dumuzi – mein Sohn!“, fügte sie mit dem uralt-feierlichen Begriff aus der sumerischen Sprache hinzu, deren wenige noch bekannte Wörter und Phrasen sie aus ihrer Heimat mitgebracht haben musste. Bestürzte Sorge und gekränkte Missbilligung zeichneten sich in Sarahs Miene ab. Ihr ebenmäßiges Gesicht, vom bunten Kopfschleier umrahmt, sah immer noch schön und anmutig aus. Mittlerweile befand es sich knapp unter seiner Augenhöhe. In Jizchak weckte es ein Gefühl der Geborgenheit und zärtlichen Vertrauens ebenso wie Verlegenheit und Schuldbewusstsein: In ihrer Sorge lag auch ein Vorwurf gegen ihn und seine Leichtsinnigkeit, die sie ihm bei sämtlichen Spielen mit Jishmael unterstellte. Doch der ältere Bruder, ihr Halbsohn, bekam wie so oft den Tadel.
„Wie kannst du so unvorsichtig mit ihm umgehen?“, fragte sie in einem Ton entsetzter Anklage, untermischt mit einer drohenden Ruhe. „Willst du ihm alle Knochen im Leib brechen? Willst du ihn – umbringen?“
Immer mehr Mägde und Knechte mit ihren Kindern traten zusammen.
„Mutter …“, versuchte Jizchak zu beschwichtigen. Er wollte seinen Bruder verteidigen, vor allem beschämte es ihn, vor den Augen des Hofvolks, vor Sklavinnen und Sklavenkindern, vor Jishmael und den gleichalten oder älteren Jungknechten so verhätschelt zu werden. Mutter wirkte wie eine Glucke, die ihr einziges Küken unter den Fittich nahm, und wie eine Löwin, die sich vor ihr Junges stellte, bereit, zu entsetzlicher Wut aufzufahren. Ich bin nicht mehr so klein und so zerbrechlich schon gar nicht. Außerdem habe ich zu Jishmael gesagt, er soll mich fliegen lassen …
Sarahs beschützende Eifersucht erstickte jeden Widerspruch im Keim. In ihrer Dominanz hätte sie ihn nur noch mehr gedemütigt. Irgendwo erklang das Kichern einer Jungenstimme, und wie eine parodierende Antwort ließ sich in der Ferne das raue Zwitschern eines Steinschmätzers vernehmen. Jizchaks Herz schlug schneller vor Beschämung und Reizbarkeit. Das Kichern erstarb, wohl von einem warnenden Seitenblick abgewürgt.
„Mutter Sarah“, setzte Jishmael mit gesammelter Ruhe an und verschränkte die muskulösen Arme, „es tut mir Leid, dass du dich so erschreckt hast. Wie könnte ich meinen Bruder etwas tun? Wir haben zusammen gespielt, das ist alles.“
„Gespielt?! Das würde ja hingehen, wenn du deine Kräfte zügeln könntest! Jeder im Stamm fürchtet deine Wildheit und deinen Überschwang!“
Das stimmte einfach nicht! Jishmael gehörte inzwischen zu den jungen Befehlshabern von Vaters Streitkraft, und niemand widersetzte sich allzu gern seinen Anordnungen – aber ein gefürchteter Wildling? Das hielt Mutter ihm nur vor, weil sie ihn schlechtmachen und von ihm, Jizchak, so oft wie möglich fernhalten wollte. Und je älter er wurde, desto schlimmer schien ihre Sorge zu werden. Die Eifersucht auf ihr fröhliches Zusammensein.
„Wir spielen oft miteinander, das weißt du doch.“ Endlich löste er sich aus seiner Verdutztheit und fasste Mut, Jishmael zu verteidigen. „Wir beherrschen´s gut. Beide haben wir sehr viel Übung darin …“
„Schweig.“ Der verletzte Vorwurf, mit belegter, fast tränenbrüchiger Stimme geäußert, versetzte ihm erneut einen Stich furchtsamer Verlegenheit. Ich tue alles für dich, nachdem ich bis zur Verzweiflung auf dich gewartet und dich vom Gott deines Vaters herbeigefleht habe, hieß das, und zum Dank fällst du mir gegen diese Unholde in den Rücken. Aber er durfte sich nicht beirren und als schutzbedürftiges kleines Kind hinstellen lassen! Wenigstens musste er Mutters Zorn dämpfen, indem er ihre Sorge verringerte.
„Ich lasse mich von Jishmael nicht einfach im Kreis herumwirbeln wie einen Beutel, den ein Kind im Drehen loslässt, damit er weit übers Feld fliegt. Oder wie einen Stein aus der Schleuderschale. Es kommt darauf an, mich richtig in Jishmaels Arme einzuklinken und …“
„Ich will nichts davon wissen!“, wies ihn Sarah mit unnachgiebiger Strenge und wiedergewonnener Festigkeit zurecht. „Und wie oft habe ich es dir außerdem gesagt“, fügte sie leise hinzu: „Verhülle deine Blöße! Warum musst du alle sehen lassen, dass du kein ezor unter dem Rock trägst? Komm!“
Sie wollte ihn mit sich davon schieben, wahrscheinlich in ihr Zelt, wo er sich einer ausgiebigen Verarztung seiner Schmisse und Schrammen würde unterziehen müssen. Doch blieb sie noch einmal stehen, wandte sich dem Kreis des Hofvolks zu, der kurz davor war auseinander zu gehen, sich aber gleich wieder sammelte.
„Merkt euch, ihr alle, besonders aber du, Jishmael: Dieser hier“, wie zur feierlichen Besiegelung seines Stellung legten ihre Hände sich auf seine Schultern, „ist der Erbe des Stammes. Der wahre Sohn Abrahams, meines Gemahls, eures Herrn und Königs. Wer will jemals vor uns treten und kundtun müssen, ihm sei etwas Schlimmes zugestoßen? Ihm, euer aller Zukunft?“
Schnaufend hörte Jizchak diese bedeutungsschwere Verkündigung. Jishmael erwiderte Sarahs Blick mit einem Ausdruck trotziger Ergebenheit, schlug die Augen unter den langen Wimpern und schön geschwungenen Brauen nieder. In diesem Moment fand Jizchak mehr als jemals, dass der Halbbruder einem jungen Wildeselhengst glich mit seinen leicht gebläht aussehenden Nasenflügeln und dem anmutig vorspringenden Kinn. Tatsächlich nannten ihn die Krieger den „jungen Wildesel“, und ihre Söhne hießen „die Gazellen, die dem Junghengst über die Steppe folgten“.
Alle Umstehenden senkten ehrfürchtig die Augen, bis auf die zierliche Frau, die zuletzt in den Kreis getreten war. Sie berührte Jishmael sacht am Rücken und blieb schräg hinter der viel größeren Gestalt ihres Sohnes stehen, den Blick so ergeben wie würdevoll auf Sarah gerichtet. Hagar. Wo die eine auftauchte, war die andere nie weit. Nicht, weil sie einander so gerne mochten; wenn das je der Fall gewesen war, musste es lang zurückliegen, das spürte Jizchak. Schon begann zwischen den beiden Müttern, Sarahs Magd und einst stellvertretendem Mutterschoß sowie Abrahams Ehefrau, das ständige gegenseitige Ausloten und Kräftemessen, das seit geraumer Zeit einen Riss durch die Familie und den Stamm trieb.
Auch zwischen Jishmael und ihn. Genau das schien Mutters Absicht zu sein.
„Ist der junge Herr wohlauf?“, erkundigte sich Hagar. Ihre Sorge klang durchaus nicht gespielt, trotz des leicht spöttischen Untertons, den sie vor ihrer Herrin kaum zu verbergen suchte, aber vor allem ging es ihr wohl darum, ihren Sohn und damit sich selbst vor Ungemach zu schützen. Auch an ihrem Scheitelansatz, der unter dem lose geschlungenen Kopfschleier hervortrat, zeichnete sich erstes Grau ab, drängte das tiefe, glatte Schwarz von den Haarwurzeln zurück. Ihr Gesicht mit der gewölbten Stirn, den vollen, sinnlichen Lippen, den streng und zugleich träumerisch blickenden Augen – die sich bei Jishmael wiederfanden – wirkte auf seine eigene Art so schön und ausdrucksvoll wie das ihrer Herrin. Auf Stirn und Wangen zeichneten sich ein paar einfache Tätowierungen ab, ebenso auf der linken Schulter, die von ihrem feingewebten Wickelkleid frei blieb. Ein Bronzering glänzte am sehnigen Unterarm. Auf ihrer Brust baumelte der kreuzförmige Schlaufenstab eines Anch-Zeichens nach ägyptischer Art. Sie war einst vom Nildelta in Abrahams zwei- und vierbeinigen Besitz gekommen.
„El sei Dank“, beantwortete Sarah die Frage nach Jizchaks Zustand. „Ich bin noch rechtzeitig gekommen, um Schlimmeres zu verhindern. Wenn du deinen Sohn nicht besser im Auge behältst – ich wende meine Augen und Ohren nicht mehr von den beiden ab.“ Schonungslos wiederholte sie ihre Unterstellung. „Ihre Spiele werden von Tag zu Tag wilder, und Jishmael verzieht mir mein Kind noch zu einem Wüstenräuber, wenn er ihm nicht vorher das Genick bricht.“
Jishmael schnaufte, Hagar hob tief einatmend den Kopf, Jizchak brannte die Scham am ganzen Leib.
„Herrin! Junger Fürst Jizchak!“
Selten hatte der Junge die Stimme des alten Eliezer so willkommen geheißen wie in diesem Moment. Oft genug bedeutete der Ruf, dass er mit Vaters oberstem Verwalter und Ersatzerben im Schatten der Terebinthenbäume sitzen und sich unter dessen Weisung der Mathematik, der Sternenkunde, Weltenlehre, Geschichte und Sprachen widmen musste statt mit den gleichalten Jungen im Lager seine Kräfte zu messen. So gern er im Großen und Ganzen lernte, so rasch er die Dinge erfasste – bis auf manche Tücken der Rechenkunst – wollte er weder bei seinem Halbbruder, dessen Unterricht viel kürzer ausgefallen war, noch bei den Sklavenjungen als gelehrter Weichling gelten. Einige waren schon gestandene Krieger und vergnügten sich, wenn ihnen Muße dafür blieb, bei viel wilderen, halsbrecherischeren Mutproben als dem kindischen Handstand und dem Kreisschwingen mit Jishmael. Im Grunde, das wurde Jizchak bewusst, waren diese Spielchen nur eine Erinnerung an – meist – unbefangenere Zeiten, als der inzwischen Achtzehn- oder Neunzehnjährige das Brüderchen in wohlkoordinierte, vergnügte Rangeleien verwickelte, auf seinen Schultern durchs Zeltlager reiten ließ … und Mutter Sarah von besorgten Blicken und Ermahnungen abgesehen noch kein solches Getöse um seine Sicherheit erhob.
Nun, manchmal hatte Jishmael auch sehr grob werden können. Hatte ihn im zufälligen Vorbeigehen mit einem höhnischen Lachen oder, was ihm innerlich noch viel mehr wehgetan hatte, unter missachtendem Schweigen und ohne ihn nur eines Blicks zu würdigen, zu Boden geschubst. Einmal war Jizchak weinend zu Mutter gelaufen, was spätestens der Anfang ihres ewigen Misstrauens gegen den Älteren gewesen war, aber zu allen anderen Grobheiten hatte er geschwiegen und seinen Kummer, seine Verletztheit, seine Ratlosigkeit über das Verhalten des Bruders hinunter geschluckt … hauptsächlich, um kein Schwächling zu sein.
Die Sache mit den Pfeilen … Erinnerst du dich an die Pfeile …? Am liebsten hätte Jizchak unwillig den Kopf geschüttelt, um die gleichermaßen erschreckende wie schlichtweg peinliche Erinnerung vor sich in den Staub zu schleudern. Kindereien … Mit einer Mischung aus Verlegenheit, Traurigkeit und Spott blickte er meist auf den Vorfall zurück. Und mit Stolz darauf, dass Sarah auch davon nichts erfahren hatte, zumindest nicht von ihm. Und Jishmaels Gesicht war danach so erfüllt von zerknirschter Reue gewesen, von Liebe und dem Wunsch nach Versöhnung …
Eliezer wartete respektvoll, bis die Herrin ihn sprechen ließ. Aus seinen nahe beieinanderliegenden Augen und unter den zusammengewachsenen schwarz-weißen Brauen hervor sah er sie ruhig und in selbstbewusster Ehrerbietung an.
„Sprich, Eliezer“, fordete ihn Sarah mit zerstreuter Zuvorkommenheit auf.
„Jizchak soll zu seinem Vater kommen, der Herr will ihn sehen. Auch dich, meine Herrin“, er verneigte sich leicht, die Augen geschlossen, „und den jungen Herrn Jishmael.“ Eliezer sah Hagar an, als besinne er sich im rechten Augenblick. „Auch dich. Euch alle.“
Jizchaks Herz schlug schneller. Es musste etwas Bedeutsames sein, wenn Abraham die Unterredung mit seinen Gästen dafür unterbrach. Er tauschte einen fragenden Blick mit seinem Halbbruder, strich den Kittel glatt und ging mit den Müttern zu dem großen Zelt hinüber, einem mehrflügeligen Komplex, der das Nomadenlager beherrschte wie die Palast- und Tempelstadt Hebrons die tiefergelegene Siedlung von Kirjat Arba.
2. Diplodocus. Die Reise der Dinosaurier
Eine urzeitliche Welt aus der Perspektive der Tiere, die darin gelebt, um ihr Überleben gekämpft, aber auch ihr Sozialleben gestaltet haben.
Vor 150 Millionen Jahren: Im Westen Nordamerikas schlüpft das Diplodocus-Männchen Pabo aus dem Ei. Als ein Vulkanausbruch und ein riesiger Waldbrand sein Zuhause zerstören, müssen der junge Dinosaurier und seine Geschwister sich in einer gefährlichen neuen Umgebung zurechtfinden. Im offenen Land lauern große Fleischfresser wie Allosaurus auf Beute. Pabo und die anderen jungen Diplodoken suchen Schutz bei Tieren, vor deren unberechenbarer Größe sie sich ebenso in Acht nehmen müssten – den viele Tonnen schweren ausgewachsenen Artgenossen, der Herde von Pabos Mutter Shunga.
Stand 01.06.2026: Erzähltext mit 260 Normseiten fertig, Sachteil in Arbeit, Text im Privatlektorat
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Die Herde
Das Gewicht des baumstammartigen Fußes und der auf ihn verteilten Körperlast schlug als gedämpfte Erschütterung in Fleisch, Sehnen und Knochen zurück. Während das junge Diplodocus-Weibchen Shunga den anderen Vorderfuß hob, stellte es die Hinterbeine schräg auseinander und drehte den eben aufgesetzten Fuß mit der Daumenkralle, dem einzigen zehenartigen Fortsatz, ein Stück nach außen. So stützten immer zweieinhalb bis drei Beine ihre langgestreckte Gestalt beim Gang über die nächtliche Ebene, entlasteten je einen Trittballen vollständig und einen zur Hälfte. Über die Höhe der Schultern gebogen, zog der lange Hals dem Rumpf voran, ausgeglichen und ausbalanciert durch den noch längeren Schwanz, dessen dünnes Ende sich im Hin- und Herschwingen manchmal schlängelte.
Farnwedel, struppige Bärlappstauden und die stachelhart gerippten Blattfächer von Cycadeen, die aus bauchigen kleinen Schuppenstämmen wuchsen, strichen raschelnd über die glatte, perlige Lederhaut von Shungas Fuß- und Handknochen. An den Rändern ihres seitwärts ausgerichteten Blickfelds unterschied die Sauropodin einige Mitglieder ihrer lose zusammengefügten Herde: langgestreckte Körpermassive mit geradlinigem, nur über den Schultern leicht aufgewölbtem Rückgrat. Reihen horniger Zacken liefen vom Hinterkopf bis zur Mitte des Schwanzes. Die sich überschneidenden Silhouetten ihrer Riesenleiber trieben wie gleitende Hügel langsam über den buschigen, von Nadelbäumen durchbrochenen Teppich des Bodenwuchses hinweg. Manchmal gaben die Großen die Gestalt eines jüngeren Diplodocus frei, der sich dem Verband vor kurzem angeschlossen hatte. Die meisten Herdenneulinge waren einen oder mehr Sonnenumläufe jünger und deutlich kleiner als die selbst noch nicht ausgewachsene Shunga. Kontinuierlich bewegten sich alle auf das ferne Schwarz der Waldhänge zu, über denen sich die Rauchberge unter den Sternenhimmel und einige dämmerweiße Wolken erhoben. Letzte Nachzügler eines kurzen, verirrten Gewitters.
Von dem nahen Geländeanstieg strömte ein Hauch regenfeuchter Erde und harziger Baumrinde in Shungas Nasenlöcher, vermischte sich mit dem Salz- und Steingeruch sowie dem bitteren Kräuterduft der Ebene, über der die vorzeitigen Regenfälle der vergangenen Tage ebenfalls ein paar Schauer abgeladen hatten. Die erfrischende Feuchtigkeit verwässerte den beißenden Geruch der Waldbrände, der fast täglich durch die grelle, diesige Luft zog. Nun atmete der Wald die Ahnung der noch fernen Jahreszeit aus, die Ankündigung feuchteren, wenn auch stürmischeren Wetters und neuen Grüns. Futter und Deckung für frisch geschlüpfte Diplodocusjunge. Auch wenn es noch mehr als einen Mondumlauf dauern mochte – bis in die Tiefen ihres Leibes spürte Shunga die Vorzeichen der Regenzeit als Wellen neuartiger Instinktregungen. Bald würde sich ihr Legetunnel öffnen, und es käme die Zeit, ihre erste Eigrube auszuscharren und ihr Gelege darin zu bergen. Gleich darauf übernahm der Hunger wieder ihre Sinne, kehrte ihr Bewusstsein zu den Tätigkeiten zurück, die ihren Lebensrhythmus bestimmten und mit dem gemessenen Takt ihrer Artgenossen vereinten: zu fressen und dabei langsam, Fuß um Fuß, das Land zwischen Bergen, Hügelketten, geschrumpften Flüssen und ausgetrockneten Seen zu durchwandern.
Nach ein, zwei weiteren Schritten reichte Shunga dank ihrer Halslänge nah genug an einen Hain aus Baumfarnen heran, dass sie bequem den gedrungenen kleinen Kopf senken und die gerippten Wedel in Höhe ihrer Brust mit den Zähnen packen konnte. Sie hob ihre eckige, leicht nach vorn fallende Oberlippe und streifte das Grün mit den länglichen Zähnen ihrer rechten Mundseite vom Stiel, wobei sie den Kopf erst zur einen, dann zur anderen Seite legte und den Zug nach unten richtete. Hinter ihrer Mundhöhle mit den weit vorn sitzenden, kammartigen Gebissreihen öffnete sich eine tiefe Kehltasche. Die umschloss das Futterbüschel und begann es unter Muskelkontraktionen mit ihren Reibeplatten zu zermahlen. Heißer Verdauungsspeichel durchtränkte den Pflanzenbrei, und eine betörende Wärme lief die lange Kehle hinab.
Eine halbe Shunga-Länge vom Kropf entfernt rumpelte es in den Tiefen ihres Gedärms. Aufgasungen schlugen schmerzhaft an Magen- und Darmwände, eine regelrechte Hitzewolke blähte sich in ihrem Körper auf. Ein unsichtbarer Nebel aus faulig pflanzlichen Verdauungsausdünstungen driftete in vergehenden und sich erneuernden Schwaden über die Herde hinweg.
Raschelnde Bewegungen teilten das Farnkraut zu Shungas Füßen. Nichts Gefährliches, ein allgegenwärtiges Begleitgeräusch – kleine, zweibeinig laufende Dryosaurier suchten zwischen den Sauropoden Schutz und rissen niedrig wachsende Pflanzen ab. Am nördlichen Rand der Herde hatte Shunga zwei Stegosaurier ausgemacht: massige Gestalten mit einer Reihe rautenförmiger Knochenplatten, die von dem vergleichsweise winzigen Fressstutzen des Schädels zum Rücken immer länger wurden und zu den hin und her schaukelnden Stacheln des Schwanzes wieder schrumpften.
In einiger Entfernung übertönte ein tiefes, langsam in trillernde Höhen ansteigendes Brummen die Rupfgeräusche der weidenden Diplodoken. Shunga erkannte am Ton die Stimme eines Männchens – vielleicht des auch für ihre Art gewaltigen Bullen, mit dem sie sich vor ein paar Tagen gepaart hatte. Der Riese wies einen Artgenossen, der seinem Futter zu nahe gekommen war, auf Abstand: „Bleib weg. Meine Farne. Es wächst genug für viele hier.“ Dennoch beschwor sein missmutig-selbstbewusstes Grollen in Shunga die kurze Erinnerung herauf, wie der Muskelberg unter betörenden Liebesgesängen am Knochenmassiv ihrer Lenden aufritt und sein Paarungsorgan in ihren mühsam geduckten Hinterleib hineingrub … Als das Bild wich, hinterließ es in Shunga einen ähnlichen befremdeten Unwillen, wie sie ihn unmittelbar nach dem Ende des Akts verspürt hatte. Wie damals, als die drückende Wonne in verschreckte Ernüchterung umschlug, als sie mit dem Hinterfuß sogar leicht nach dem zurückweichenden Partner auskeilte, warf sie mit den breiten Hornkrallen ihrer Zehen reflexhaft eine Garbe Staub und Farnkrautfetzen hinter sich und biss umso herzhafter in ein ganzes Büschel Baumfarnzweige.