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Manuela-Kinzel-Verlag

Flucht in ein sicheres Leben. Wölfchen-Verlag 2016.

   

LESEPROBE:
Scheideweg. In: Flucht in ein sicheres Leben. Wölfchen-Verlag 2016.
„Von der Straße runter! Sofort!“, rief Thiarni atemlos.
Flynn stieß ein schrilles Keuchen aus. Thiarni packte den jüngeren Bruder am Arm, riss ihn mit sich über die Kante des Fahrwegs, versuchte gleichzeitig, ihn mit einem leichten Druck seiner Hand zu beruhigen. Flynn durfte ja nicht schreien, sonst wären sie verloren. Unvermittelt riss Thiarni den Kopf zu Ethianna herum. Das Schwesterchen stolperte im schweißnassen Griff ihrer verschränkten Hände hinterdrein, die Augen voll Angst, aber auch voll blindem Vertrauen in ihn, den Ältesten.
Ein paar Schritte entfernt ließ sich Ulo, der Nachbarjunge, die Böschung hinunter gleiten. Hart fing der Waldboden Thiarnis Körper auf. Schmerz prellte ihm durch Handgelenke und Knie. Die grauen Bündel seiner Geschwister kugelten neben ihm durchs Laub, das an ihren groben Wollkleidern hängen blieb. Reflexhaft umschloss Thiarni die Kleinen mit seinen Armen, drängte sie zwischen die moosbewachsenen Wurzeln eines Baumes. Hinter seinem Rücken lehnte Ulo sich an den Stamm. Vorsichtig versuchten die beiden Jungen, um die Borkensäule zu lugen, ohne von der Straße aus gesehen zu werden.
Wie mit giftigen Schwaden kroch die Ausdünstung in die erdige Frische der Herbstluft. Thiarnis Magen zog sich zusammen, brennende Schauer seines Pulses schlugen ihm in Kinn und Schultern. Gleichzeitig sank eine dumpfe Ruhe über ihn. Sie lähmte ihn und setzte ihn Erinnerungen aus, die noch quälender waren als die unmittelbare Gefahr: Er kauerte wieder mit Flynn, Ethianna und Ulo unter der Kellerklappe des elterlichen Hauses. Ringsum zerstörte das Metzeln, Morden und Brennen die letzten Reste des Dorfes.
Als die Schreie der Bauern und das unmenschliche, triumphierende Brüllen der Angreifer verstummt waren, polterten plötzlich Tritte über ihren Köpfen. Ein Gestank nach Fäulnis sank durch die Ritzen in den modrigen Geruch der Rüben und Kohlköpfe. Noch eine andere Note enthüllte der Pesthauch – eine Witterung von Brand und Asche. Etwas Sengendes brannte sich mit leisem, scharfem Zischen in die Bretter. Welch ein Glück, dass der Regenschauer durch das halb verbrannte Schilfdach troff und das Holz durchnässte! Dennoch benahm der Qualm den Kindern fast den Atem.
Gefühllose Starre lastete in ihren Gliedern. Uringestank stieg Thiarni in die Nase. Er spürte die Nässe im Stoff seiner Unterhose und an der Haut seiner Schenkel. Die Bestie über ihnen hatte sich abgewandt. Neue Geräusche durchdrangen die Todesstille, die sich im nachlassenden Rauschen des Regens noch vertiefte… das Flatschen zerreißenden Fleisches, das Knirschen von Knochen… Menschenknochen… Erbarmungslos verrieten die Laute, was in der verwüsteten Stube vor sich ging. Grummeln und Grollen, das wie Fetzen eines entstellten Geplauders klang. Zufriedenes Schmatzen.
Vater.
Mutter.
Im Rhythmus schwerer Schritte rieben Placken von Panzerhaut sich knirschend aneinander. Ein anderes Geräusch ließ die vier Waisen zwischen den Baumwurzeln erstarren: jenes beißende Zischen, das sie auf den Brettern der Falltür gehört hatten und auch mehrere Male in den Tagen ihrer Flucht. Thiarni konnte vor seinem inneren Auge sehen, wie die Fußpranken bei jedem Aufsetzen Säure aus ihren Drüsen pressten und sich Fladen blubbernden Schaumes im Schlamm der Straße bildeten. Gras verdorrte augenblicklich unter der Wirkung des Giftes. Grünes Kraut schnurrte zusammen, verkohlte und hinterließ um die Trittstelle mehrere Fußbreit kahlen, versengten Bodens. Was sich ihnen da näherte, was offensichtlich ihre Spur aufgenommen hatte und sich leichte Beute erhoffte, war ein Brenn-Ork. Eine mit schwärzester Magie durchseuchte Züchtung aus den Stollen von Norandil, dem Orkfürsten, der mit seinen Heeren ganz Ath Thuannan in ein so fruchtloses Land zu verwandeln trachtete, wie die messerscharfen Lavariffe und die nachtschwarzen Berge seines Reichs es waren. Wo eine Horde Brennorks hindurch trampelte, blieben von den Feldern nur flackerndes Stroh und qualmende Ascheflächen zurück. An trockenen Sommertagen konnten die Säuredrüsen sogar einen Wald in Flammen setzen.
Riesenhaft schob sich die Kreatur zwischen den Bäumen in Thiarnis Blickfeld. Ulo riss einen kurzen, scharfen Atemzug in sich hinein. Flynn verbarg sein Gesicht in den Falten von Thiarnis Wollumhang, und er legte seinen Arm fester um das zitternde Brüderchen. Das Abenddämmer verdichtete die Umrisse des Orks zu einer klobigen Schattenmasse. Es verwischte die Fratze, die so wenig menschlich war, wie sie zu irgendeinem Tier gepasst hätte. Doch die Dämmerung ließ das Ungetüm noch bedrohlicher wirken. Finsternis zog sich um sie zusammen, gab sie den Waffen preis, die Thiarni bereits in seinem Fleisch wusste: die eberähnlichen Hauer, die eisenharten Krallen, das Krummschwert, das am Ledergürtel jedes dieser Höllenkrieger hing.
Laut schnüffelte der Brennork die Luft. Gleich würde er sich auf sie stürzen.
Die Erinnerungen an all die Schrecken, der Verlust der Eltern, des Dorfes und der Menschen, mit denen er zusammengelebt, oft gestritten, oft auch gelacht hatte – sie überwältigten Thiarni. Es gab keinen siegreichen Prinzen, keinen Weg in eine befreite Provinz, keine Flucht in ein sicheres Leben. Nicht mehr für sie. Es würde eine blutige, aber rasche Erlösung.
Jemand zupfte ihn am Ärmel.
Ethiannas Gesichtchen war verzerrt vor Angst, Verwirrung und Erschöpfung. Es zuckte und war rot von Tränen, aber kein Laut der Klage platzte von ihren Lippen. In den Augen des Mädchens stand dieser Ausdruck klammernden Vertrauens, der ihn nun vollends zu zermürben drohte – vermittelte er doch die Illusion einer Hoffnung, die seine Geschwister noch immer auf ihn richteten. Da bemerkte er, dass Ethianna auf etwas deutete, was in der entgegengesetzten Richtung lag oder geschah. Sein Blick folgte dem kleinen Zeigefinger in die Tiefen des Waldes. Und im letzten, bernsteinfarbenen Restschimmer eines Sonnenstrahls sah er sie.
Die stämmigen Körper mit dem geraden Rückgrat standen auf hohen, kraftvoll aussehenden Läufen. Spitz ragten ihre Lauscher in die Höhe, buschige Ruten hingen leicht wedelnd an den Hinterschenkeln herab, ein tänzelndes Beben ging durch Läufe und Leiber. Der größere der beiden Wölfe bog den Hals empor und hob ein langgedehntes Heulen an. Sein Raubgeselle fiel ein, wobei sie sich Hinterteil an Hinterteil voneinander wegdrehten. Riefen sie zur Jagd auf die vier Menschlein?
Ein Ruf ließ ihn zusammenzucken. Aus der Richtung der Straße hallte eine Stimme herüber, die offenbar einen Befehl in einer schauderhaften, knurrenden Sprache bellte. Rasht-ngraach! klang es.
„Weg!“, glaubte Thiarni die Stimme in seiner Leere und Hoffnungslosigkeit zu hören. Ulo war aufgesprungen, zerrte an Ethiannas Hand. „Abhauen!“

Die kleine Schwester krallte sich mit der anderen Hand erbittert an Thiarni. Er wollte nicht mehr aufstehen, nicht mehr rennen. Warum fand Ulo sich mit ihrem Schicksal nicht ab? Ulo – eigentlich hieß er Thaimon. Doch jeder im Dorf hatte ihn verächtlich Ulo genannt, Wolfsfreund. Den Namen trug er, nachdem er im Sommer eine junge Wölfin aus der Schlinge befreit hatte.
Plötzlich rappelte auch Thiarni sich auf die Beine. Er riss Flynn und Ethianna an den Kitteln empor und zerrte sie mit sich.

Ein Sturm verschiedener Laute und Stimmen durchwühlte den Wald. Offenbar hatte ein Orkführer die gepanzerte Bestie zurückgerufen. Mit abgerissenem Grunzen stampfte die Kreatur in Richtung des Kommandos – fort von ihnen. Aber was war das? Wehte da nicht ein menschlicher Ruf heran, eine raue Männerstimme? Das Wiehern eines Pferdes? Wirklich, der Waldboden warf das Stampfen und Trappeln von Hufen zurück. In der Ferne züngelten Lichter zwischen den Bäumen. Stimmte es doch, was die Menschen an ihren Herdfeuern hoffnungsvoll erzählt und was die Geschwister neulich von entgegen ziehenden Soldaten erfahren hatten? Dass Prinz Larain mit seinen Heeren immer öfter siegreich zurückschlug? Saß er vielleicht selbst unter den sich nähernden Reitern, auf seinem weißen Hengst, wie es hieß? Sicherlich entzündete er in vollem Ritt den ersten Brandpfeil, um ihn den Scheusalen zwischen den Hornhautplatten ins säurehaltige Fleisch zu schießen und sie in rasende Fackeln zu verwandeln. Wie die Ausgeburten brüllen würden vor Schmerz!
Sie würden doch noch nach Farren gelangen, der Provinz am gleichnamigen Fluss. Die stand seit einiger Zeit wieder unter Larains Verwaltung. Ein, zwei Tagesreisen noch, und sie wären in Dun-Na-Farren …
Thiarni hob Ethianna auf seine Arme. „Lauf immer Ulo nach!“, keuchte er in das gehetzte Gesicht des Bruders. Ulo war vor ihnen, sprang mit geschmeidiger Sicherheit über liegende Stämme, Äste und Wurzeln hinweg. Thiarni hatte Mühe, mit dem Bündel zu folgen, das schwer an ihm hing. Der taunasse Farn peitschte gegen seine mit Wolle umwickelten Beine. Er taumelte in einen Ginsterbusch, tänzelte zurück, sah wieder ihren Pfad zwischen den Sträuchern. Flynn war stehen geblieben und drehte sich nach ihm um. In der Dunkelheit war er nur noch als Schemen zu erkennen. Voraus hastete Ulo durch das verschwommene Licht, das sich wie Wasser unter dem noch dichten Herbstlaub der Eichen und Buchen ausbreitete. „Lauf!,“ herrschte Thiarni den Bruder an. „Wir – sind – hinter dir.“
Eine Bewegung glitt durch seinen Augenwinkel. Flüchtig nahm er einen großen, vierbeinigen Schatten wahr, der sie im Halbkreis umlief. Die Wölfe! Er packte Ethiannas Gewicht höher, stützte ihre seitlich wegragenden Beine mit einem Arm ab und stürzte blindlings weiter. Immer wieder schaute er zur Seite. Nur nicht an einen Wolfsangriff denken! Erneut jagte der Schatten an ihm vorbei. Diesmal in die andere Richtung – in dieselbe wie sie. Der Wolf überholte Flynn, rückte zu Ulo auf und verlangsamte seinen Galopp. Die beiden liefen fast Seite an Seite, das Tier ein Stückchen voraus. Es schien, als ob der Wolf Ulo führte.
Der Wald lichtete sich. Über den schütteren, farblos dunklen Blattkronen ragte, vom ersten Schnee bestäubt, der Grat des Cair Dunain in den blauen Dämmerhimmel. Nichts als Kälte schien dieses Blau in sich aufzunehmen. Frost, der zu vereinzelten, blitzenden Sternen gefror. Frost, der auf die Erde und alles Leben zurückstrahlte.
Voraus schimmerte das weiße Fell an den Hinterläufen des Wolfes wie ein Wegweiser. Als führte er sie wirklich auf die Schattenfläche zu, die ihnen unter einem Felsüberhang entgegen gähnte. Ulo kletterte über die Steinbrocken zum Eingang der Höhle empor. Flynn folgte ihm, ließ sich von dem großen Jungen hinaufziehen. Nur noch eines trieb Thiarni voran: zu den anderen aufzuschließen, die im Höhlenschlund schon außer Sicht verschwunden waren.
Bruchstückhaft nahm er wahr, wie er in die Höhle taumelte. Wie er zu Boden sank, Ethianna auf eine Schicht alten Strohs und Reisigs bettete – hatte das Felsenloch anderen bereits als Zuflucht gedient? Er würde aufpassen, dass kein Wolf und kein Ork seinen Geschwistern zu nahe kamen. Die Wände gaben ihm Deckung, nur nach vorn musste er sich verteidigen. Mit gezogenem Messer würde er die ganze Nacht lang dasitzen und Wache halten.
...